LUXUSAUTOS: XXL-VERSION VON BINZ

LUXUSAUTOS: XXL-VERSION VON BINZ

So sieht die E-Klasse als Stretchlimousine aus

Keine Mercedes E-Klasse bietet mehr Luxus und mehr Status als diese. Und trotzdem will niemand freiwillig mit dem Binz L6 fahren. Denn wenn man in den XXL-Benz steigt, dann meist aus einem traurigen Anlass.

Je länger, je lieber – das ist normalerweise das gängige Motto nicht nur bei Yachten, sondern auch bei Luxuslimousinen. Und niemand weiß das besser als Thomas Amm. Denn Amm ist Chef beim Karosseriebauer Binz aus Lorch und lebt gut von der Liebe zur Länge.

Schließlich fahren sie bei dem Traditionsbetrieb in der Nähe von Stuttgart schon seit vielen Jahrzehnten die Limousinen der Mercedes E-Klasse über die Streckbank und haben 18 Monate nach der Premiere der Baureihe W213 jetzt auch die neue Generation des Bestsellers von Benz auf Länge gebracht: Ein Zwischenstück von 1,11 Metern macht die Businesslimousine zu einem Lindwurm von 6,10 Metern. Doch auch wenn der Binz L6 etwa doppelt so viel kostet wie eine E-Klasse von der Stange, ist er nur halb so teuer wie eine ordentlich ausgestattete Maybach-Version der S-Klasse, überragt das Flaggschiff in der Sternenflotte aber um mehr als einen halben Meter.

Der Umbau dauert pro Fahrzeug rund acht Wochen, und so einfach die Verlängerung klingt, so kompliziert gestaltet sie sich am Ende, sagt Amm. Anders als zum Beispiel die vielen US-Schweißer es bei den Limos für Las Vegas machen, wird die E-Klasse bei Binz nicht einfach nur auseinandergeschnitten, ein Zwischenstück eingesetzt und das ganze am Ende wieder zusammengeschweißt.

Um den Passagieren die elende Kletterei auf die beiden Bänke zu ersparen, baut Binz auch noch zwei zusätzliche Türen ein. Und für ein lichtes Raumgefühl gibt es ein Panoramadach, das sich über die gesamte Fahrzeuglänge streckt und so auf mehr als drei Meter kommt. „Ein größeres Fenster zum Himmel bekommt man nicht einmal in einem Cabrio“, schwärmt Amm. Und so, wie man den Himmel bei einem Cabrio wieder aussperren kann, lässt sich auch das Panoramadach im Benz von Binz auf Knopfdruck eintrüben – eine weitere Parallele zu Maybach & Co.

Das Ganze so stabil zu konstruieren, dass die E-Klasse auch weiterhin vollgasfest ist und dass sich der Gewichtszuwachs im Rahmen hält, das war für die Binz-Entwickler die eine große Herausforderung. Nicht umsonst arbeiten sie mit Türen aus Faserverbundstoffen oder verstärkten Achsen. Und dass am Ende die ganze Elektronik der E-Klasse noch funktioniert, die andere. Die Limousine soll sogar mehr Software an Bord haben als ein Jumbojet.

„Dafür mussten wir eine Menge Kabel löten und viele Steuergeräte programmieren“, sagt einer der Entwickler, die rund 12 Monate Vorlauf für die Dehnübung gebraucht haben. Fürs Infotainment ist den Ingenieuren das gelungen und für viele Assistenzsysteme auch. Nur den Totwinkelwarner oder die Spurwechselhilfe zum Beispiel oder die Einparkautomatik haben die Karosseriebauer leider nicht angepasst – dabei wäre das bei diesem Format eine echte Erleichterung.

Mehr Beinfreiheit als in einer langen S-Klasse

Denn so sehr die Klimaanlage auch kühlt und die Sitzlüftung pustet, kommt man am Steuer des Lindwurms bisweilen arg ins Schwitzen – zumindest, solange man mit dem L6 durch die Stadt rollt. Stop and Go in dichter Kolonne mit vielen Spurwechseln, knappe Kreisverkehre, verwinkelte Kreuzungen und enge Altstadtgässchen jedenfalls ringen einem in diesem Auto gehörigen Respekt ab.

Jenseits des Ortsschildes dagegen fühlt sich die XXL-Limousine an wie jede andere E-Klasse, nur dass sie mit dem extrem verlängerten Radstand noch ruhiger auf der Straße liegt und noch entspannter fährt. Von den 300 Kilo mehr Gewicht ist selbst mit einem kleinen Sechszylinder nicht viel zu spüren, und man kann auf den aus Gewichtsgründen aussortierten V8 gut verzichten. Und auch von dem bei anderen Strechtlimousinen oft so lästige Knistern und Knastern ist in dieser E-Klasse nichts zu hören. Binz oder Benz, das macht in diesem Fall keinen Unterschied.

In der zweiten und der dritten Reihe sieht das dagegen ein bisschen anders aus: Wenn die E-Klasse voll besetzt ist, fühlt man sich in der Langversion plötzlich wie in einem besonders bequemen und dafür um so flacheren Bus und wartet schon auf die Fahrkartenkontrolle. Aber wenn man alleine unterwegs ist im Fond des L6 und man die verschiebbare Bank in der Mitte ganz nach vorne gerückt hat, dann wird man zum VIP, genießt mehr Beinfreiheit als in der langen S-Klasse und könnte ewig so weiterfahren.

Zwar wähnt man sich am Steuer als Promi-Chauffeur und freut sich schon auf die Vorfahrt beim Grandhotel. Und wenn man als Passagier in der dritten Reihe sitzt, sucht man beinahe nach der Wechselsprechanlage, so weit ist der Fahrer plötzlich entfernt.

Doch trotz des repräsentativen Auftritts und des schier königlichen Komforts muss Binz-Chef Amm einräumen, dass kaum jemand aus freien Stücken in den Lindwurm aus Lorch einsteigt und in der Regel auch niemand einen Sinn für die Annehmlichkeiten hat, die so ein Luxusliner bieten könnte.

Liegesitze, Massagesessel, Bordentertainment oder Barfächer sucht man vergebens. Denn von den mehreren Hundert Autos, die Binz über die Laufzeit der E-Klasse in die Länge zieht, gehen die meisten an die gleichen Kunden, mit denen der Karosseriebauer seine größten Geschäfte macht: an die Bestatter. Amm: „Die kaufen bei uns gerne im Doppelpack und bestellen zum Leichenwagen auch noch die Langversion der Limousine mit, damit die engsten Angehörigen bei dieser besonderen Fahrt gemeinsam dem Verblichenen folgen können.“

Quelle: Von Thomas Geiger – Welt.de

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