Man hat den Stoff und macht was draus: Designer Satori jetzt für Zegna

Man hat den Stoff und macht was draus: Designer Satori jetzt für Zegna

von Alfons Kaiser

Alessandro Sartori ist der Herrenmode schon durch seinen Namen verpflichtet. Jetzt endlich kann er diesen Lebensauftrag wieder bei Zegna erfüllen.

Das ist schon mal klar: Ein Gespräch mit diesem Designer ist eine Reise zurück in seine Kindheit. Wer in Biella im Piemont geboren wurde, der Hauptstadt der italienischen Wollindustrie, der wird immer mit Stoffen zu tun haben. Wenn die Mutter neben dem Elternhaus ein Atelier für Damenmode mit sieben Mitarbeiterinnen betreibt, dann ist der Weg vorgezeichnet. Und wenn der Nachname eine Ableitung des Wortes „sarto“ („Schneider“) ist – was soll der Junge dann machen? Alessandro Sartori blieben nicht viele Möglichkeiten, gegen die Zumutungen des Schicksals zu rebellieren. Immerhin: Er stattet heute Männer mit Mode aus, nicht Frauen.

Die Heimat hat ihn nun wieder. Seit gut einem Jahr lebt Sartori in Mailand. Ermenegildo Zegna, bei dem er schon von 2003 bis 2009 gearbeitet hatte, brauchte ihn einfach. Drei Jahre lang war der ZegnaChef auf Stefano Pilati als Designer angewiesen. Das war ein großer Name, schließlich war er vorher bei Yves Saint Laurent gewesen. Aber es funktionierte nicht zwischen dem übertätowierten Star und dem Familienbetrieb, der 1910 von Ermenegildo Zegna senior in Trivero gegründet wurde und zu einem der größten Wollhändler und einer der größten Männermodemarken der Welt heranwuchs.

2016 war das Jahr der Entscheidung. Pilati machte sein Ding, und das hatte nicht viel mit dem Rest der Marke zu tun. Der Umsatz fiel unter anderem wegen des schwierigen China-Geschäfts von 1,26 Milliarden Euro (2015) auf 1,16 Milliarden (2016). Das ist nur wenig weniger. Aber für den zupackenden und erfolgsverwöhnten Ermenegildo Zegna junior, der die Geschäfte mit seinem Cousin Paolo fährt, war es ein Fanal. Es musste etwas Neues kommen. Und: jemand Neues.

„Die Idee mit Alessandro hatte ich schon lange in der Schublade“, sagt Ermenegildo Zegna über seinen neuen Modemacher, den er schon seit 25 Jahren kennt. „Wir haben uns immer gut verstanden. Wegen der schwierigen Märkte und der wachsenden Konkurrenz spürte ich, dass wir schnell handeln mussten.“ Die Marke war orientierungslos. „Wir hatten zu viele Meister“, sagt Zegna rückblickend. „Und es wurde langsam schwierig, all die verschiedenen Ideen auf einen Nenner zu bringen. Jedenfalls habe ich viel zu viele Stunden in Meetings verbracht.“

Also gab er Sartori, der in den nuller Jahren Z Zegna als Trendlinie aufgebaut hatte, die Gesamtverantwortung fürs Kreative. Wie konnte er sich so sicher sein mit seiner Wahl? „Er hat langfristige Vorstellungen von der Marke, und er ist gut in der Ausführung“, sagt Zegna. „Oft ist das nicht so: Viele Designer sind gut im Entwerfen, aber bringen’s nicht rüber.“

Alessandro Sartori wird die Verwirklichung von Ideen spätestens in Paris gelernt haben, bei seinem Zwischenstopp in der LVMH-Männermarke Berluti. „Ich habe dort in fünf Jahren viele Erfahrungen gesammelt“, sagt Sartori, „besonders was Schuhe und Leder angeht.“ Auch die Professionalität von Bernard Arnaults Sohn Antoine, dem Berluti-Geschäftsführer, scheint ihn beeindruckt zu haben. Gemeinsam trieben sie jedenfalls die Entwicklung von der Schuh- zur Modemarke voran und steigerten die Umsätze von unter 30 Millionen Euro (2011) auf weit mehr als 100 Millionen (2016).

„Im Mai wusste ich, dass die Richtung stimmt“

„Aber natürlich ist das hier mein Zuhause“, sagt Alessandro Sartori beim Gespräch im Innenhof der Zegna-Zentrale an der Via Savona. “ Ich habe Gildo immer wegen seiner Energie bewundert. Daher habe ich die phantastische Gelegenheit genutzt.“ Nicht dass er unbedingt nach Mailand zurückwollte. Auch in New York, Los Angeles, London, Berlin oder Paris – seinen weiteren Lieblingsstädten – wäre er zurechtgekommen. Aber was noch hinzukam: In der Zeit, in der er fort war, hat Ermenegildo Zegna zwei Werkstätten in Parma gekauft, eine für Schuhe, Taschen und Lederwaren mit mehr als 100 Mitarbeitern, und eine für die Handfertigung von Sportswear. So kann er seinen Vorstellungen nun schneller eine Form geben.

Und es muss schnell gehen. Ein Testlauf war die Neueinführung des Schuhs L’Asola. Der besonders leichte Loafer, der im April auf den Markt kam, war nach wenigen Wochen ausverkauft. „Im Mai wusste ich, dass die Richtung stimmt“, sagt Zegna. Sartori wusste es im Juni, nach der Schau in Mailand mit den Entwürfen für Frühjahr und Sommer 2018, als Journalisten und Einkäufer spürten, dass die Marke weiß, was sie will, und dass das auch in den Zahlen sichtbar wird.

Designer und Geschäftsführer sprechen jeden Tag miteinander. „Es geht nicht ohne intensiven Kontakt“, sagt Sartori. In diesem Fall ist das sogar noch wichtiger, denn der Geschäftsführer ist auch der wichtigste Gesellschafter. „Als ich anfing mit dem Design, war dieses gute Verhältnis noch gar nicht so wichtig. Der Markt reagierte noch nicht so schnell, das System war noch stabiler. Wenn man heute nicht strategisch und modisch vorneweg ist, verliert man an Grund.“

Alessandro Sartori versucht, seinen Chef vor allzu vielen Meetings zu schützen, indem er eine Linie in die drei Linien des Hauses bringt. „Früher gab es drei Marken und drei Aussagen. Heute haben wir drei Linien, die zu einer Marke gehören. Jede hat eine andere Rolle. Aber wo die eine endet, beginnt die andere.“

Diese Idee hat auch für den Kunden Vorteile: Man kann alle Linien miteinander kombinieren, denn Farben und Stile sind aufeinander abgestimmt. „Man kann also einen Couture-Blazer kaufen, ihn mit einem Pullover von Ermenegildo Zegna kombinieren und dazu eine Tech-Merino-Hose und Sneaker von Z Zegna tragen.“ In der gemeinsamen Sprache spricht nur Z Zegna einen Dialekt: Activewear äußert sich in stärkeren Farben. Und eine Farbe auf Tech-Material wirkt anders als eine Farbe auf Kaschmir.

Mit kombinierbaren Produkten will Sartori auf flexible Wünsche eingehen. „Heute sagt mir ein Kunde, er trage einen Zegna-Anzug, kaufe sich Sneaker in einem Shop in Berlin und bestelle sich Jeans online aus Japan. Die Wünsche sind also viel breiter gestreut als noch vor zehn Jahren.“ Um sie zu erkennen, hat er viele junge Leute zwischen 25 und 30 Jahren um sich. „Im Designstudio sind gerade einmal drei Mitarbeiter, ich eingeschlossen, älter als 40 Jahre.“ Damit alle die große Linie erkennen, wird ein Thema der Saison festgelegt. So kann sich jeder darauf einstellen, vom Visual Merchandising, also etwa der Schaufenstergestaltung, bis zur Lizenzabteilung, die mit Partnern Sonnenbrillen oder Badehosen entwickelt. Auch mit der Festlegung von vier Zegna-Farben, die in allen Kollektionen auftauchen sollen, gibt Sartori die Richtung vor: gebrochenes Weiß, also Off-White, weil es der natürlichen Farbe der unbehandelten Wolle und des unbehandelten Kaschmirs entspricht; Melange-Grau als Farbe des Flanells; das tiefe Blau des klassischen Anzugs; und das helle bis terrakottafarbene Braun der Vikunjas, der südamerikanischen Kamele mit ihrer so feinen wie teuren Wolle.

Zu Hause ist Sartori nun auch deshalb, weil er in Mailand groß geworden ist. Der Junge, der sich schon mit zwölf Jahren Modehefte wie die „Vogue“ oder „Per Lui“ kaufte und gerne zeichnete, besuchte zunächst die Textilfachschule in Biella. Was er dort lernte? „Die Original-Biella-Erfahrung: Man hat den Stoff, mehr nicht, und macht was draus.“ Ende der Achtziger ging er zur Modehochschule Istituto Marangoni nach Mailand. Was für eine Zeit! Die Designschüler schmuggelten sich in die Modenschauen der neuen Stars: Armani, Versace, Ferré, Krizia, Gigli.

Nur sein Faible für alte Autos kann da mithalten. Sartori hat einen Porsche Targa von 1968 in Tangerine-Orange, einen roten Lancia HF und einen Ford Mustang von 1965. Wenn er Zeit findet, macht er damit Touren. Am liebsten fährt er am Wochenende nach Biella, zu seiner Mutter. In anderthalb Stunden ist er da.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

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